Trotz erheblicher struktureller Stützfaktoren scheinen Gold, Silber und Kryptowährungen nun kurzfristig ein erhebliches Korrekturrisiko zu bergen.
Gold, Silber und Bitcoin profitieren langfristig von erheblichen strukturellen Stützfaktoren
Die Attraktivität dieser drei „nicht-staatlichen“ Vermögenswerte ist langfristig unbestritten und wird von drei wichtigen makroökonomischen Kräften gestützt.
Die „Entdollarisierung“ der Staatsbilanzen beschleunigt sich
Die Ausweitung der Staatsdefizite in Verbindung mit der Polarisierung der Welt schürt die Befürchtungen einer chronischen „Entwertung“ der Fiat-Währungen. Vor allem die Gefahr einer „Weaponisierung“ des Dollars infolge wiederholter Wirtschaftssanktionen und des Einfrierens russischer Vermögenswerte im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine hat eine Diversifizierungsbewegung ausgelöst.
Die Zentralbanken haben seit 2023 mehr als 1.500 Tonnen Gold gekauft, wodurch der Gesamtwert ihrer Goldreserven (rund 4.500 Milliarden Dollar) den Wert ihrer Bestände an US-Staatsanleihen (rund 3.500 Milliarden) überstieg – laut Daten der EZB und des World Gold Council ein Novum seit fast drei Jahrzehnten.
Der Glaubwürdigkeitsverlust der Fed
Die anhaltend über dem Zielwert von 2 % liegende Inflation in den USA in Verbindung mit dem politischen Druck zur Senkung der Zinsen beeinträchtigt die Glaubwürdigkeit der Zentralbank bei ihrer Aufgabe der „Preisstabilität“. Diese implizite Toleranz gegenüber der Inflation verstärkt die Glaubwürdigkeitsprämie von realen und alternativen Anlagen.
Der jüngste Rückgang der Realrenditen
Wenn die Rendite von Anleihen nach Abzug der Inflation sinkt, sinken die Opportunitätskosten für das Halten eines kuponlosen Vermögenswerts, was diese für Anleger attraktiver macht. Mit anderen Worten: Wenn sichere Anlagen real weniger Rendite abwerfen, wenden sich Anleger verstärkt materiellen Vermögenswerten wie Gold oder Bitcoin zu, die dann als Wertreserve dienen. Diese Realzinsen bewegen sich bei diesen drei Vermögenswerten weiterhin in einem überschaubaren Bereich. Die Rendite zehnjähriger TIPS hat sich zudem kürzlich weiter abgeschwächt und lag Ende Oktober bei 1,69 %. Ein weiterer Rückgang dieser Realzinsen würde Edelmetalle und Bitcoin stützen, während ein Wiederanstieg die Korrektur der letzten Wochen verstärken würde.

Grafik zur 10-Jahres-Rendite inflationsindexierter US-Staatsanleihen
Strukturelle Unterstützung, doch das Risiko einer kurzfristigen Korrektur überwiegt
Zwar sind die langfristigen Fundamentaldaten für alle drei Anlageklassen positiv, doch nach Monaten nahezu ununterbrochener Kursgewinne wird der Spielraum für weitere Kursanstiege bei den Edelmetallen allmählich knapp, während ein wichtiges technisches Signal der Aufwärtsdynamik von Bitcoin ein Ende setzt.
Die Positionierung bei den beiden Edelmetallen deutet mittlerweile auf eine euphorische Stimmung hin. Die Zuflüsse in Gold-ETFs haben in den letzten drei Monaten historisch hohe Niveaus erreicht und liegen fast drei Standardabweichungen über ihrem Dreijahresdurchschnitt. Gleichzeitig liegt die Positionierung der kommerziellen Hedger (Produzenten und Veredler) bei Terminkontrakten und Optionen zwei Standardabweichungen unter dem Dreijahresdurchschnitt. Historisch gesehen fällt diese Konstellation oft mit taktischen Höchstständen und Konsolidierungsphasen zusammen, wie beispielsweise im vergangenen April. Die Unze Gold, die kürzlich die Marke von 4.400 $ erreicht hat, ist daher besonders anfällig für eine kurzfristige Gewinnmitnahme.
Silber befindet sich in einer ähnlichen Situation, doch sein Korrekturpotenzial könnte durch seine zunehmende industrielle Nutzung, insbesondere für Solarmodule und Elektrofahrzeuge (etwa +50 % der weltweiten Nachfrage), ausgeglichen werden.

Grafik zum Goldkurs, zum prozentualen Anteil der Kaufpositionen von „Commercial Hedgers“ bei Terminkontrakten und Optionen (in Rosa) sowie zu den Zuflüssen in die wichtigsten Gold-ETFs (in Blau)
Aus technischer Sicht hat der Bitcoin-Kurs gerade eine wichtige Unterstützung bei 108.000 $ durchbrochen, an der er seit Juli stagnierte. Diese Bewegung bildet somit ein „Doppel-Top“-Muster, das theoretisch den Weg für eine Abwärtswende ebnet.
Dieses bärische Signal ist umso relevanter, als es mit dem des berühmten „4-Jahres-Zyklus von Bitcoin“ zusammenfällt, der einen theoretischen Höchststand im Oktober vor einer deutlichen Korrektur in den folgenden zwölf Monaten vorsieht – ähnlich wie es bereits 2018 und 2022 der Fall war.

Bitcoin-Kurschart
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Asymmetrie nun aus unterschiedlichen Gründen bei allen drei Vermögenswerten die Verkäufer zu begünstigen scheint: die übermäßig optimistische Positionierung bei Edelmetallen und das Durchbrechen einer wichtigen Unterstützungslinie beim Bitcoin. Dennoch sorgen die Beschleunigung der Entdollarisierung, der Glaubwürdigkeitsverlust hinsichtlich der Unabhängigkeit der Fed und der Rückgang der Realzinsen für ein strukturell bullisches Umfeld. Diese fundamentalen Faktoren könnten die Dauer und das Ausmaß der Korrektur verringern und das taktische Risiko in eine Chance zur Aufstockung des Portfolios für langfristige Anleger verwandeln.